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Essay: Politik und Kultur in Trier
Kulturpolitik in Trier

Markus Nöhl ist kulturpolitischer Sprecher der SPD-Stadtratsfraktion. In seiner Sitzung am heutigen Dienstag, 19. April, 17 Uhr, Raum „Gangolf“ im Rathaus, wird der Kulturausschuss eine Anfrage der Stadtratsfraktionen von CDU sowie B 90/Grüne zur Absage des Open-Air-Spektakels „Nero Hero“ in der vergangenen Woche behandeln (Der Trierer berichtete mit der Überschrift Der NeroHero Komplex über die Absage). In seinem Essay für unser Blog nimmt Nöhl die Kulturpolitik der Stadt Trier unter die Lupe, schreibt über Erfolge und mögliche Lösungen und über Kulturprojekte in den Welterbestätten.

Quo vadis Trier?

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Kulturpolitik Trier
Die Absage der Tanzperformance NeroHero sorgte und sorgt für Diskussionsstoff in Trier.

©Der Trierer

Das berühmte Filmzitat aus dem Sandalen- Klassiker von 1951 musste in den letzten Tagen häufig für die Frage nach der aktuellen Lage der Trierer Kultur herhalten. Die Verbindungslinien mit unserer Heimatstadt finden sich leicht: Peter Ustinov glänzte im Hollywood-Streifen als Nero und schuf den heute gängigen Stereotyp des römischen Kaisers. Im Film, der die Hochphase der römischen Christenverfolgung im ersten Jahrhundert darstellt, stellt Petrus dem ihm erschienenen Jesus die entscheidende Frage: „Wohin gehst du, Herr?“
Peter Ustinov erinnert uns an die guten Tage der Antikenfestspiele, die der große Schauspieler selbst einmal beehrt hatte, seine Kunstfigur Nero an die kommende bundesweit Beachtung findende Landesausstellung in drei Trierer Museen. Aber es führt unsere Gedanken auch zu NeroHero, der Tanz-Performance in städtischer Verantwortung, die kürzlich abgesagt wurde. Grund genug sich die Frage zu stellen: Wohin gehst du, Trier?

Gescheiterte Projekte und Debakel?

Anlässlich der NeroHero-Absage zog der TV-Redakteur Jörg Pistorius in einem Beitrag im Kulturteil des Blattes vergangene Woche Bilanz über die Kulturpolitik der vergangenen Jahre. Das „gescheiterte Projekt“ sei nicht das erste „Debakel“, dass Kulturdezernent Egger zu verantworten habe. Er führt auch die beiden Kulturevents Brot und Spiele sowie die Antikenfestspiele an, die beide ebenfalls in den letzten Jahren ruhmlos eingestellt wurden. Doch reichen diese drei „Dramen“, wie der TV-Redakteur diese tituliert, aus, um eine Bilanz zu ziehen?

Sicherlich nicht. Ein genauer Blick lohnt sich, um die aktuellen Probleme und Chancen der Trierer Kulturpolitik zu analysieren. So könnte man auch die zwei Kulturveranstaltungen Illuminale und Porta³ quasi als Gegenbilanz anführen. Zwei Projekte, die in der gegenwärtigen Diskussion nicht genannt werden, aber in den letzten fünf Jahren etabliert worden sind. Beides erfolgreiche Projekte, die auch durch die städtische TTM (Trier Tourismus und Marketing GmbH) verantwortet werden. Geht Porta³ als Open-Air-Veranstaltung vor einer antiken Stätte erst dieses Jahr in die zweite Runde, erfreuen wir uns an der Illuminale schon zum sechsten Mal. Beides sind, so kann man wohl heute schon sagen, Erfolgsbringer regionalen Kulturmanagements: Akzeptanz in der Bevölkerung besteht, das Marketing läuft, die Zuschauerzahlen sind bestens.

Eine gemischte Bilanz

Trotz dieser zwei Positivbeispiele bleibt die Bilanz gemischt, wenn auch vielleicht nicht so einseitig, wie es zunächst scheint. Licht und Schatten prägen die Kulturveranstaltungen in städtischer Verantwortung. Sicher, jede Absage und jeder Erfolg hat eigene Gründe. Jedoch finden sich auch Gemeinsamkeiten, die zeigen, wie die aktuelle Lage sich gestaltet.

Anspruch schafft Erwartungsdruck Markus Nöhl

Zunächst lohnt ein Blick auf die Herausforderungen: Es ist offensichtlich, dass Trier sich besonders schwer tut mit dem Anspruch, überregionale Aufmerksamkeit zu erringen. Antikenfestspiele, Brot und Spiele und NeroHero waren nicht primär für die Triererinnen und Trierer konzipiert. Sie sollten über die Stadtgrenzen hinaus wirken und unsere antiken Welterbestätten so bespielen, dass mehr Touristinnen und Touristen den Weg zu uns finden. Anders die Illuminale und Porta³: Sie fokussieren zunächst den heimischen Markt.

Anspruch schafft Erwartungsdruck. Das fordert nicht nur die involvierten Akteure, es heizt auch die öffentlichen Beobachter an. Schnell werden Debatten politisiert und skandalisiert. Hier muss die Kulturpolitik sich auch an die eigene Nase fassen. Schuldlos sind auch die Medien nicht. Auffällig auch, dass Umsetzungsprobleme einzelner Projekte schnell zu allgemeinen Kulturdebatten werden. Die Pessimisten hört man schnell: „Brauchen wir eine Kulturförderung in Trier überhaupt?“ Angesichts der Überschuldung der Stadt wird die Sinnfrage an die freiwillige Aufgabe Kulturpflege gestellt. Die oftmals sich unter der Oberfläche brodelnde Skepsis bricht heraus. Aus einer konkreten Diskussion wird eine Generaldebatte.
Ein weiteres Element wird gerne vergessen, wenn wir über das Scheitern von Kulturprojekten sprechen. Wir bemerken immer wieder organisatorische Schwächen. Dies kann man schnell auf individuelle Nachlässigkeiten zurückführen, aber die Regelmäßigkeit dieses Problems deutet auch darauf hin, dass die Organisationseinheiten – Theater oder Kulturbüro – personell zu schwach aufgestellt sind. Wie in vielen Teilen der Verwaltung sind diese nach langen Jahren der Einsparungen personell unterbesetzt und damit ausgezehrt.

Lokale Vernetzung und starke Partner

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NeroHero Markus Nöhl
Markus Nöhl ist kulturpolitischer Sprecher der SPD in der Stadtratsfraktion.

© SPD-Trier

Wieso gelingen manche Projekte trotzdem? Sie segeln weitestgehend unter dem Radar der öffentlichen und politischen Aufmerksamkeit. Die Kulturakteure werden nicht von einem großen Erwartungsdruck belastet, sondern können einfach klein anfangen und entwickeln. Die Budgets sind nicht riesig, das Format überschaubar, der Koordinationsaufwand begrenzt. Lokale Vernetzung, wie bei der Illuminale, und ein starker Partner wie bei Porta³, sichern Unterstützung. Auf dieser Grundlage kann Größeres erwachsen, wenn das Veranstaltungsformat in Trier angenommen wird.

Auch die großen Trierer Landesausstellungen von Konstantin über Nero bis Marx 2018 sind erfolgreiche Kulturprodukte in unserer Stadt. Das Land als starker Partner bringt viel Professionalität mit und inzwischen sind die Arbeitsabläufe eingespielt. Eine Kooperation der drei Museen ist schon fast ein Erfolgsgarant.

Konsens in Trier

Über die Notwendigkeit die antiken Stätten zu bespielen, herrscht weitestgehend Konsens in Trier. Neben dem kulturellen Wert, den wir schaffen, fördern wir auch die ökonomische Entwicklung unserer Heimatstadt. Wir müssen die Welterbestätten immer wieder neu in Szene setzen, um weiterhin überregional Beachtung zu finden. Touristinnen und Touristen sollen in Trier verweilen, denn Trier und seine Wirtschaft leben zu einem Großteil vom Tourismus. Einzelhandel, Gastronomie und Hotellerie profitieren maßgeblich von den Gästen aus Deutschland, Europa und der Welt.

Es kann gelingen, wenn wir die Lehren der vergangenen Jahre beherzigen. Geben wir kleineren Projekten die Chance, sich zu entwickeln. Bleiben wir neugierig und innovativ, um unsere Alleinstellungsmerkmale herauszustellen. Nur dies sichert uns die Aufmerksamkeit gegenüber anderen Kulturstädten mit ihren ebenso zahlreichen Kulturveranstaltungen. Haushaltskonsolidierung ist notwendig. Doch sie darf nicht dazu führen, dass wir uns Strukturen zerstören, die für die Zukunftsentwicklung in diesem Feld wichtig sind.

Der Nukleus-Gedanke sollte fortgeführt werden. Markus Nöhl

Zu guter Letzt: Der Nukleus-Gedanke sollte fortgeführt werden. Ein Abgesang dieser „abstrusen Idee“, wie sie Eric Thielen vom trier-reporter das Konstrukt nennt, wäre verfrüht. Er sieht die Anzahl der Kooperationspartner als zu hoch an, dabei treffen bei den Trierer Landesausstellungen noch weit mehr Partner erfolgreich aufeinander. Die Verbindung von Moselmusikfestival als starkem Partner mit einem Kulturevent in den antiken Stätten der alten Römerstadt hat nach wie vor seine Berechtigung. Das Moselmusikfestival erhält eine künstlerische Erweiterung mit einer Eigenproduktion, Trier profitiert vom vermarktungsstarken Festival. Es lohnt sich, an der Idee dranzubleiben.. Klar ist auch, dass man an der grundsätzlichen inhaltlichen Ausrichtung des Konzepts erneut arbeiten muss.

Gute und erfolgreiche Beispiele

Quo vadis Trier? Wir sind gar nicht so schlecht wie oftmals die öffentliche Debatte verheißen lässt. Die guten und erfolgreichen Beispiele zeigen, dass wir große Kulturevents können, wenn die Bedingungen stimmen. Wir sollten daher nicht verzagen, uns nicht im Kleinklein verfangen. Ziehen wir die Lehren aus den vergangenen Jahren und arbeiten konsequent an neuen Möglichkeiten, Trier so zu präsentieren, dass es für uns Triererinnen und Trierer sowie für unsere Gäste attraktiv und zeitgemäß daherkommt.

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Zur Person
„Kultur muss für alle da sein“, sagt Markus Nöhl, der kulturpolitischer Sprecher der SPD-Stadtratsfraktion. Seit 2009 Mitglied ist er Mitglied im Trierer Stadtrat, zuständig für die Themen Kultur, Bildung, Wohnen.Nöhl ist parlamentarischer Geschäftsführer und kulturpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion und Mitglied der Ausschüsse für Kultur, Schulträger und Steuerung. Link zur SPD.
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